GESCHICHTE

Der Bau der Schwabinger Seidlvilla ist eng verknüpft mit der Spatenbrauerei, die um 1900 mit einem Bierumsatz von 500.000 Hektolitern eine der größten Brauereien Deutschlands geworden war. Als einer der Firmeninhaber starb, hinterließ er seiner Frau Franziska ein ansehnliches Vermögen. Die Witwe vermählte sich in zweiter Ehe mit Paul Johann Lautenbacher und ließ 1904-06 die repräsentative „Villa Lautenbacher“ im damals noch ländlichen Schwabing errichten.

Für den Entwurf konnten sie sich die Dienste ihres Neffen Emmanuel von Seidl (1856 – 1919) sichern, der sich bereits als Architekt zahlreicher herrschaftlicher Villen einen Namen gemacht hatte. Bekannt sind vor allem seine öffentlichen Münchner Bauten, z.B. das Augustiner Bräuhaus in der Neuhauserstrasse oder das Elefantenhaus in Hellabrunn. Die großbürgerliche Anlage, der später nach ihm benannten Seidlvilla, bestand aus repräsentativem Wohnhaus mit angefügtem Nebentrakt für Remise, Pferdestall und Kutscherwohnung.

Die Villa ging nach dem Tode seiner Erbauerin in den 1930er Jahren an die Erben über und verlor in den folgenden 50 Jahren seinen ursprünglichen Charakter als reines Wohnhaus. Allmählich wurde das Anwesen in dieser gefragten Lage und durch zahlreiche Nutzungs- und Besitzerwechsel zum Spekulationsobjekt. Zu Beginn der 1970er Jahre tauchten erste Gerüchte auf, die Villa und die beiden Handwerkerhäuschen an der Ecke Nikolaiplatz sollten abgerissen werden und einem Hotel-, Büro- oder Kaufhauskomplex weichen.

 

Aus dem Protest der Anwohner formierte sich bald das „Bürgerkomitee Schwabing“ und später die „Aktion Nikolaiplatz“, die für den Erhalt des Ensembles am Nikolaiplatz auf die Straße ging.

Die Schwabinger Bürger entwickelten erste Ideen für eine soziale und kulturelle Nutzung. Mit dem Ziel einen Ruhepol mit vielgestaltigem Kulturangebot inmitten eines von Konsum und Kneipentourismus geprägten Viertels zu erreichen, gründeten die Bürger den Verein „Bürgerzentrum Seidlvilla“. Mit Aktionen, Unterschriftensammlungen, Eingaben und Bürgerfesten verfolgte der Verein über zwei Jahrzehnte unerschütterlich sein Ziel, trotz erheblicher Widerstände und unterschiedlichster Nutzungsinteressen: Zwar hatte die Stadt mittlerweile das Anwesen erworben und so die Forderung der Bürgerproteste erfüllt, aber noch dauerte es sieben Jahre bis zur Öffnung des Bürgerhauses, in das man als Zwischennutzer das Schwabinger Polizeirevier untergebracht hatte.
Im Juni 1991 eröffnete die Seidlvilla schließlich nach langer, gründlicher Renovierung ihre Tore als Stadtteilkulturzentrum. Damit begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Hauses. Ein Neubeginn nicht nur für das Haus selbst, sondern vielmehr eine neue Basis für das Gemeinschaftsleben des Stadtteils.

Seit mehr als 20 Jahren steht die Seidlvilla nun allen offen. Mittlerweile bei jährlich über 2.500 Veranstaltungen und mit über 70.000 Besuchern ist das "Haus für Schwabing" – so steht es in der Satzung des Seidlvillavereins – ein herausragender kultureller Begegnungsort auch für die angrenzenden Stadtteile und das Umland geworden.
Die Seidlvilla ist mit Veranstaltungen aus den Bereichen Kunst, Literatur, Musik, Philosophie, Volkskultur und Volksbildung, Theater, Vorträgen und Diskussionen zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen sowie einer Vielzahl von sozialen, integrativen und nachbarschaftlichen Angeboten ein fester Bestandteil des Münchner Kulturlebens.